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Rudolf war seit seiner Pensionierung unberechenbarer denn je und nicht immer leicht einzuschätzen. Er konnte Herta bisweilen ganz schön schocken.
Sie saß entspannt an ihrem PC vor einer Mail an ihre fränkische Freundin. Nebenan im Badezimmer brummte Rudolfs Rasierapparat.
„Sicher wird er sich den Nacken ausrasieren, glaubte Herta.“ Ihn störte es enorm, wenn sich seine Nackenkrause wieder bemerkbar machte. Sie sah dem Ordentlichen zu unordentlich aus.
Das Gebrumm war unerträglich. Gott sei Dank hörte es ganz auf, um kurz darauf wieder in Aktion zu treten. Herta fühlte sich gestört. Das nervenaufreibende Geräusch kam näher und sie hatte das unangenehme Gefühl, Rudolf würde sich hinter ihrem Stuhl zu schaffen machen. Sie blieb wie erstarrt sitzen. Rudolf erdreistete sich offensichtlich, ihr mit dem Gerät vom Nacken her bis zum Scheitel über die Haare zu fahren. Sie glaubte, der Alterswahnsinn oder weil er gern Fleisch verzehrte, die schreckliche BSE-Seuche hätte ihn vielleicht in ihren Fängen. Aufzuspringen hatte keinen Zweck mehr. Sie sah sich schon im Geist als Irokesin herumlaufen, wollte nicht auch noch die letzten Haare verlieren und verhielt sich lieber ruhig. Verrückte darf man ohnehin nicht reizen. Stillhalten also!
Rudolf ließ zu ihrer Erleichterung plötzlich von ihr ab, schlich auf seinen Pantoffeln, ohne nur ein einziges Wort an sie gerichtet zu haben, davon. Die Geschockte sprang auf, eilte ins Badezimmer, um sich vom Ausmaß der senilen Frivolität ihres Mannes ein Bild zu machen. Sie riss den seitlich angebrachten Spiegel vom Haken herunter, hielt ihn so, dass sie ihren Hinterkopf im gegenüberliegenden Badezimmerspiegel betrachten konnte. Ihr Herz pochte laut und sie fühlte sich, wenn auch von Natur aus nicht sonderlich eitel, ziemlich mitgenommen. Das war ja der Hammer! So würde sie jedenfalls wochenlang nicht unter Menschen gehen können, erst wieder, wenn der Zebrastreifen von Haaren überwuchert sein würde.
Wie durch einen Nebel sah sie das Wunder! Nicht ein einziges Härchen fehlte.
Rudolf hatte lediglich das Gerät eingeschaltet, das Kopfscheren vorgetäuscht, die Schneidevorrichtung vorher außer Gefecht gesetzt.
„Das machst du nicht noch mal mit mir!“ schrie Herta außer sich, konnte aber ein befreites Lachen aus vielerlei Gründen nicht unterdrücken. Sogar Rudolf lachte mit. Wie hieß es so schön?
„Humor ist, wenn man trotzdem lacht!“