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Der aufgeblähte Mond grinste in ihr Zimmer, raubte ihr den Schlaf. Wieder einmal grübelte sie darüber nach, ob sie weiterhin mit Anstand alt werden wollte. Ihr stellten sich die Haare zu Berge. Elfriede wollte nicht. Als Pfarrersfrau hätte sie zwar zu Lebzeiten ihres Manns ab und an den Opferstock plündern können, wäre aber sowieso niemals in Verdacht geraten. Unanständig alt zu werden erschien ihr jedenfalls weitaus interessanter. "Sollte das vielleicht alles gewesen sein,?" fragte sie sich nicht zum ersten Mal und entwickelte einen Plan.

Gleich am Montagmorgen suchte sie ihren Laden an der Ecke auf. Dem jungen Mann an der Fleischtheke warf sie jene verruchten Blicke zu, die sie tagelang vor dem Spiegel geprobt hatte. Mit Erfolg! Er kam wie von einem Magneten angezogen hinter der Theke auf sie zu. Ihr Herz pochte laut und stockte, als sie ihn fragen hörte: " Geht es Ihnen nicht gut?, kann ich Ihnen vielleicht helfen?" Fluchtartig verließ sie das Geschäft. Wer sie allerdings kannte, wusste, wie hartnäckig sie war.

Gleich am Dienstag machte sie einen erneuten Vorstoß. Sie stand schon wieder auf der Matte. Diesmal fühlte sie sich sicherer. Es würde ganz bestimmt klappen. Zielstrebig steuerte sie auf den Gemüsestand zu, schnappte sich ein dickes Bündel Möhren und ließ es aufreizend langsam in ihrem Ausschnitt verschwinden. Das frische grün, der Laden ist für Qualität bekannt, ließ sie weit sichtbar daraus hervorlugen. Zu ihrer Freude hatte es geklappt. Sie sah den Filialleiter auf sich zustürzen.

"Ja, sagen Sie mal," sagte er barsch, was soll dieser Kinderquatsch?" "Sie, Sie müssen mich schleunigst verhaften lassen," stotterte Elfriede und ihr wurde vor Vorfreude heiß. "Sie haben Glück, ich werde den Diebstahl als Mundraub bewerten und von einer Anzeige absehen," hörte sie den Nichtsnutz schnarren und war ziemlich sauer. Er wandte sich an eine Verkäuferin. "Die Alte scheint vollkommen senil zu sein. Sich solch ein Versteck auszusuchen. Am besten lassen wir sie laufen."

Glück nannte er das. Sie war wie am Erdboden zerstört. Hatte sich schon von zwei attraktiven Polizisten umzingelt gesehen, die ihr Handschellen verpassten. Hernach würden sie ihr beim Abnehmen der Fesseln bedeutungsvoll in die Augen sehen. Sie steigerte sich förmlich hinein und wollte diese Blicke feurig erwidern, als sich das finstere Gesicht des Filialleiters dicht vor ihr Gesichtsfeld schob. Sein heißer Knoblochatem streifte ihre Nase.

"Hauen Sie ab und lassen Sie sich hier bloß nicht mehr blicken,!" donnerte der rothaarige Kerl. Tief beschämt, weil ihr in letzter Zeit überhaupt nichts mehr gelang, verließ sie wie ein begossener Pudel den Ort, an dem man so unfreundlich mit ihr umging. So konnte es mit ihr jedenfalls nicht weitergehen. Vielleicht sollte sie es einmal mit einem Banküberfall versuchen? Zu Hause öffnete sie die Schublade ihrer Kommode und entnahm ihr die Nachbildung einer Browing 112. Dieses Spielgzeug hatte sie damals anfertigen lassen, eigens für den Fall eines Einbruchs, wo soo' n Kerl es womöglich nur auf ihre Mücken abgesehen hatte. Das wäre ja gelacht! Nichts da, so ungeschoren käme der ihr auf gar keinen Fall davon.

"Erst die Arbeit, dann das Vergnügen."

Das kalte Eisen lag gut in ihrer Hand. Sie stellte sich vor den Spiegel und zielte auf ihr Ebenbild. "Banküberfall," kläffte sie und warf augenblicklich die Hände hoch. Sie war von sich selbst höchst begeistert. Kurz darauf nagte der Zweifel an ihr. "Aber wenn die dich in der Bank genau so wenig für voll nehmen und dich ebenfalls als senil abstempeln, was dann? Zudem, Senilität als solche ist ja nicht strafbar," machte sie sich klar. Zuletzt erschütterte sie die Einsicht: "So eine wie du kann nur zwangsläufig so unanständig anständig alt werden." Mit einem tiefen bedauernden Seufzer legte sie die Browing in die Schublade zurück und sagte zu sich selbst: "Lass es mal gut sein, altes Mädchen, gib es auf!"

© Heidi Hollmann