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Als Kind war für mich der Gang zum Friseur meist Anlass, häufig schon vorab in Tränen auszubrechen.

In unserer Nähe gab es nur einen einzigen Friseur. Ein alter Mann, selbst Glatzenträger, schien kein Gefühl mehr dafür zu haben, wie weh es tat, wenn er mir mit seinem Kamm wüst durch die Haare fuhr. Manchmal standen mir die Tränen in den Augen vor Schmerz.

Auch drückte er mir furchtbar gerne den Kopf herunter, wenn er mir den Nacken ausrasierte. Ich bekam häufig eine solche Wut, daß ich mich einfach steif machte und gegendrückte.

Oma saß wie ein Geier hinter mir und räusperte sich. Ein Zeichen ihres Unmutes. "Wirst du den Kopf wohl nach unten nehmen!" hörte ich den Friseur sagen. Ich blickte auf und sah am unteren Spiegelrand, was dieser Kerl aus mir gemacht hatte. Mein Pony war als solcher kaum noch zu erkennen. Meine beiden Ohren lagen völlig frei. Ich dachte mit Grausen an meine Schulkameraden und hörte sie schon witzeln:" Bist du die Treppe heruntergefallen?"

Dann wurde mein Kopf noch einmal brutal in seiner Stellung verändert. Ich konnte mich nicht mehr halten und brüllte auf.

Oma kam trotz ihrer Fülle wie der Blitz auf den Mann zugeschossen. "Herr Lauer, ich habe ihnen schon wiederholt gesagt, sie möchten mit dem Kind behutsamer umgehen. Wenn sie das nicht können, lassen sie sich ihr Lehrgeld wiedergeben und hängen sie ihren Beruf an den Nagel," hörte ich Oma wettern.

Bei den Worten prallte der alte Mann zurück, dann kurz darauf meine Oma, als sie sah, wie ich zugerichtet war. Sie riss mir den Umhang vom Leib, befreite mich von der Papiermanschette, die mir die ganze Zeit schon die Luft abgedrückt hatte und eilte mit mir zum Ausgang.

Herr Lauer forderte einen Preis. Meine resolute Oma stemmte ihre kleinen Fäuste in ihre Hüften. "Ich müßte im Namen meiner Enkelin ein Schmerzensgeld verlangen wegen grober Körperverletzung und jetzt können sie mich mal". Was er sie könnte, ließ Oma offen. Ich fragte unterwegs auch nicht danach. Ich war viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Wie sah ich aus. Ich stülpte meine rote Mütze über diese Schmach und wollte sterben, zumindest krank werden.

Morgen zur Schule wollte ich auf gar keinen Fall gehen. Ich ging früh schlafen um meinen Kummer zu vergessen. Vorher betete ich noch um irgendeine Krankheit, damit mir das Elend erspart blieb.

"Aufstehen Kind," hörte ich die Stimme meiner Großmutter. Ich hüpfte fröhlich aus dem Bett. Beim Zähneputzen sah ich mein Konterfei im Spiegel und ein Zittern überfiel mich. Ich heulte mich bei Oma aus. "Du mußt deinen Mitschülern klar machen, daß deine Frisur modern ist, glaube mir, dann wollen sie alle so aussehen, warte es ab.!"
Ich wußte, daß Oma es gut meinte. Ich behielt aber in der Klasse die Mütze auf, wie die Kinder, die damals von Läusen geplagt wurden und es vorzogen, das nicht offensichtlich werden zu lassen.

"Hast du jetzt auch Läuse," wollte Gerda hinter mir wissen.
"Wieso, mir ist kalt am Kopf." Das Mädchen prustete los:"
Es ist doch nicht kalt hier." In dem Moment wurde mir die rote Mütze vom Kopf gerissen. Ich fühlte mich nackt und hatte das Gefühl ich würde in den Erdboden versinken, vor lauter Scham.

Die Lehrerin bot dem Ganzen Einhalt, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen. Es entging mir nicht, ich habe sie in den Moment dafür gehaßt und lief weinend nach Hause.

Oma ging mit mir an der Hand schnurstraks in die Klasse zurück. "Wenn noch einmal jemand über meine Enkelin lacht," schrie sie, dem schneide ich höchstpersönlich eine Glatze!" Eisige Stille.

Meine junge Lehrerin wurde rot und unruhig. Oma übersah sie beim Hinausgehen. Mich drückte sie zärtlich an sich und flüsterte: "So, jetzt hast du Ruhe!"
Sie drehte sich noch einmal zu meinen Klassenkameraden um und zog ihre Augenbrauen hoch, was so viel wie :"Ihr wißt ja Bescheid, heissen sollte.
Wegen meiner Haare bin ich nie wieder verlacht worden.

Oma und ich haben auch nie wieder über dieses Ereignis gesprochen, somit bleibt offen, ob sie es wirklich wahr gemacht hätte, das mit der Glatze. Zuzutrauen wäre es ihr.

© Heidi Hollmann