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Elvira atmete die betörenden Düfte der blühenden Bäume tief ein.

Erst fünf Uhr in der Frühe, öffnete sie den Wasserhahn. Die frischen Saatbeete mußten regelmässig gewässert werden. Sie stellte den Schlauch auf "Fein".

Sie sah die trockene Erde dunkel werden und wurde von einem Gefühl der Zufriedenheit überflutet. Seit fünf Jahren war sie pensioniert und widmete sich ihrem schönsten Hobby, der Aussaat und Aufzucht dieser kleinen Pfänzchen, die sie wie Kinder hegte und pflegte. So beschäftigte sie sich eine Weile mit der Bewässerung und sah mit Entzücken. wie kleine Regenbögen durch den Strahl der aufgehenden Sonne entstanden. Sie war mit sich und der Welt zufrieden.

Plötzlich vernahm sie ein furchtbares Geschrei, das aus dem gegenüberliegenden Garten kommen musste.

Sie sah Frau Begener, ihre gegenüber wohnende Nachbarin, die Hühner ihres Nachbarn zur Rechten mit etwas Schwarzem bewerfen. Die armen Tiere fingen daraufhin verschreckt zu gackern an. Sie flogen kurz auf, liessen sich aber alsbald wieder nieder, um sich an Frau Begeners Salat gütlich zu tun.

Die Alte bombardierte die Tiere weiterhin mit harten Gegenständen. Erneut griff sie in ihre Schürzentasche und holte etwas daraus hervor, das Elvira zunächst nicht erkennen konnte. Als allerdings nach einem Fehlwurf so ein Teil in ihrem Garten landete, stellte sie fest, dass es sich um Eierkohlen handelte. Als der Nachbarin offensichtlich die Munition ausging, sah Elvira sie in ihren Schuppen eilen. Sie wartete ab. Sie sah die Frau wieder zum Wurf ausholen und schrie empört hinüber:
"Sofort lassen sie die armen Viehcher in Ruh, so ein paar Salatblättchen sind es doch nicht wert, dass Sie ein Tier womöglich ernsthaft verletzen"

Frau Begener sah die Zornige an und schob mit der Zunge ihr Oberkiefergebiss hoch. Auch sie befand sich in Erregung. Ihr Gebiss erinnerte ihre Widersacherin an ein gekipptes Autoschiebedach. Elvira sah mit Abscheu, wie der Frau Speichelfäden aus dem Mund liefen. Das geschah des Öfteren, wenn sie vom Ekel geschüttelt wurde, etwa durch den Anblick eines Regenwurmes oder wenn sie sich über eine vorbeihuschende Maus erregt hatte.

Diese schreckliche Frau schnappte sich wutschnaubend das erstbeste Tier, riss es hoch und versohlte im den Hintern, worauf die gepeinigte Kreatur wieder ein großes Geschrei verursachte.

"Lassen Sie augenblicklich das arme Hühnchen los, haben Sie denn überhaupt keine Scham?" Augenblicklich liess die Verrückte das Häufchen Elend fallen und drehte Elvira blitzschnell den Rücken zu. Sie raffte ihr dunkles Kleid hoch, zog dafür die Unterhose runter und zeigte ihrer Nachbarin den blanken Po.

"Aha, Sie wünschen wohl eine Grundreinigung," schrie Elvira ausser sich. Sie stellte ihren Schlauch auf Strahl und traktierte dieser unverschämten Person das dargebotene Teil.

Mit Gejaule beeilte sich die so Behandelte, ihre Kleider zu ordnen, allerdings in umgekehrter Reihenfolge.

Sauer und völlig durchnässt eilte sie ihrer Behausung zu. Dort hinter ihrem Fenster in Sicherheit, bekam sie Mut und zeigte der mit dem Schlauch den Vogel. Die immer noch hochgeschobene Prothese verlieh ihrem Gesicht einen hämischen Gesichtsausdruck, den Elvira nicht ausstehen konnte.

"Für die Tiermisshandlung werde ich Sie noch zur Verantwortung ziehen," schrie sie der Nachbarin zu "und dieses blöde Grinsen gewöhne ich Ihnen garantiert auch noch ab!"

Elvira merkte, wie ihre Blase sich füllte. Bei dem Gedanken, was ihre Freundin wohl zu so einer bigotten Person sagen würde, prustete sie los und beeilte sich, ins Haus zu kommen, um ein weiteres Malheur zu verhindern.

© Heidi Hollmann