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Der gemeine Bürger hätte sie als Schlampe bezeichnet. Sauställe waren geradezu vorbildliche Orte im Vergleich zu ihrem Bad oder ihrer Küche. Vom Wohn- und Schlafzimmer ganz zu schweigen.

Katharina bewohnte mit ihrem dreijährigen Enkel Ben, dessen Mutter mit einem Macker getürmt war, eine zugige Dachgeschosswohnung. Durch den Unrat angelockt, hatten Mäuse ihr Wohlgefallen an dieser Behausung gefunden. Es mangelte ihnen an nichts.

Katharina war nicht die Frau, die mit hysterischem Gekreische beim Anblick dieser für sie possierlichen Tierchen auf einen Stuhl oder sonst wohin sprang. Nein im Gegenteil, sie fütterte diese kleinen süssen Schätzchen, sogar mit ziemlicher Regelmässigkeit, obwohl sie ansonsten nicht viel von Planung und Zeiteinteilung hielt. Auch der kleine Ben, haschte nach den Mäusen, sobald er laufen konnte und brach in Entzückensschreie aus.

Eins muste man Katharina nachsagen, sich und den Jungen pflegte sie im Gegensatz zu ihrem Haushalt sehr und wenn die beiden Hand in Hand zum Einkaufen gingen, sahen sie wie aus dem Ei gepellt aus. Wie an dem Tag, an dem der kleine Ben die längst versprochene Schildkröte bekam. Erwartungsfroh trottete der Kleine an Katharinas Hand zur zoologischen Handlung, gleich um die Ecke. Endlich sollte er ein Tier besitzen, das er sich schon so lange gewünscht hatte. Im Laden war soviel zu sehen, sie blieben den ganzen Vormittag dort kleben. Zu Hause erwartete sie ja niemand und die Mäuschen waren sowieso Selbstversorger.

Endlich hatte sich Ben für ein Tier entschieden, das besonders schön gefärbt war. Mit Tupfen in einem kräftigen Orange auf seinem Panzer sah das Tier richtig feudabel aus.

Mit der Kröte im Karton suchten sie die nächste Pommesbude auf. Durch eins der Luftlöcher fütterten sie das niedliche Wesen mit Pommesstückchen. Sogar die Majonaise verschmähte das Tier nicht.

Aus dem Keller holten sie hernach das uralte Aquarium hoch, dass noch aus Katharinas Kindheitstagen stammte. Das sollte das künftige Heim des neuen Mitbewohners werden. Wie hatte die kleine Katharina damals geweint, als sie das Becken mit ihren Zierfischen in den Keller transportieren musste, weil der Kammerjäger bei ihnen zu Hause mal wieder auf Wanzenjagd war. Es war Winter und als sie die Fischchen endlich wieder herauf holen durfte, waren sie allesamt tot. Ihr würde so etwas nicht passieren, Leben und Leben lassen war stets ihre Devise! Sie war mit sich und der Welt zufrieden und niemand hatte das Recht, einem anderen und sei es eine Wanze, das Lebenslicht auszublasen.

Katharina freute sich schon mächtig auf ihren neuen Krimi. Sie verschlang Krimis, die sie leider von all den Dingen, die sie eigentlich zu verrichten hatte, abhielten. Ihr Herz weitete sich in der Vorfreude des neuen Kapitels. Sie packte den kleinen Ben wie immer vor das Fernsehgerät, legte eine DVD ein und der Knirps verfolgte die neunundneunzigste Folge der "Biene Maja."

"Oma, darf ich die Schildkröte mitgucken lassen," rief er in Katharinas Richtung. "Na klar, aber nur, wenn Du Deinen Apfel schön auf isst!" Katharina drückte Ben den angebissenen Apfel in die Linke, weil er in der Rechten die Kröte hielt, die er Luzie getauft hatte. "Ach Gott" seufzte Oma Katharina und gab sich dem Genuss des Krimis hin.

Der doofe Willi, Majas Freund hatte sich mal wieder in Gefahr begeben, eben weil er doof war. Ben nahm sich das Geschehen sehr zu Herzen und tat einen kräftigen Biss. Kurz darauf kam er ins Zimmer seiner Oma gewankt. Mit Entsetzen nahm Katharina wahr, wie Blut aus seinem Mündchen tropfte. Immer noch hielt er den Apfel in der linken und die Schildkröte in der rechten Hand. Katharina drückte ihn tröstend an sich und prallte zurück. Der Kröte fehlte der Kopf.

"Die böse Spinne Thekla hatte den Willi gefangen und da hab ich vor Aufregung in den Apfel beissen wollen Oma," weinte der kleine Ben. "Und statt dessen die Schildkröte erwischt, stimmt `s Ben," kombinierte Katharine, die ja schliesslich Krimiexpertin war. Verwechslungen waren ihr nichts Neues. Sie wischte dem Schluchzenden das Blut von den Lippen, und wechselte ihre beschmutzte Bluse. "Nu hör mal auf zu heulen, Oma kauft dir eine Neue."
"Das Tier war ja so possierlich" sagte sie zu dem Zoohändler und hatte damit keineswegs gelogen. "Deshalb möchten wir gern noch eins kaufen!" Katharina hatte ein unerschütterliches Vertrauen zu ihrem Ben. Er durfte auch die neue Kröte mitgucken lassen, mit ohne Apfel allerdings.

© Heidi Hollmann