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Seit Jahr und Tag fuhr sie in ihrer Freizeit mit ihrem betagten Kleinbus durch die Lande, ohne klare Zielvorstellung. Hauptsache raus und weg! Dem Alltag ein Schnippchen schlagen!
Gesellig wie sie war, blieb sie nicht lang allein in ihrem "Brummer". Häufig nahm sie Anhalter mit. Männer, vornehmlich junge Männer!

Wie an diesem deprimierenden Tag im November. Vor der Autobahneinfahrt Frankfurt erblickte sie einen Mann, er war kein Jüngling mehr, aber auch noch nicht alt. Er hielt ein Schild vor seiner Brust mit der Aufschrift: MÜNCHEN. Die grauhaarige Frau sah sich um, schob ihre randlose Brille zurecht und stellte erleichtert fest: "Keine Bullen in Sicht." Hilfsbereit half sie dem Rothaarigen ohne ein Wort mit ihm zu wechseln, seine Siebensachen zu verstauen.

Besonders vertrauenerweckend sah der Kerl nicht aus. Sein bleiches Gesicht war an Stirn und Wangen von kleinen runden Kratern übersät, was ihn in ihren Augen brutal erscheinen liess. Was soll`s. Für den Fall des Falles führte sie seit eh und je eine Pistole mit sich. Keine echte, technisch unbegabt wie sie war, hätte sie sich womöglich selbst erschossen. Auch verkehrte sie als Maskenbildnerin nicht in Kreisen in denen sie illegal an eine scharfe Schusswaffe herangekommen wäre. Diese Attrappe aus der Requisitenkammer tat es genau so gut. Bisher hatte sie, auch als sie noch jung war, niemals davon Gebrauch machen müssen.

Die Maskenbildnerin hielt sich immer noch für eine attraktive Frau, die es nicht nur verstand, das Bühnenvolk zu verschönen, sondern die auch, wenn sie selbst Hand an sich legte, erstaunliche Resultate erzielte. Man hielt sie stets für wesentlich jünger, als sie tatsächlich war. Nur ihre grauen Haare störten die Allergikerin, die sie nicht zu färben wagte, aber sonst fühlte sie sich noch begehrenswert. Im Laufe der vielen Jahre aber wurde ihr Talent immer weniger durch Erfolg gekrönt. So manches liess sich einfach nicht mehr ausbügeln. Auch nicht durch eine noch so dicke Schminke. Für ihr Alter, suggerierte sie sich ein, sähe sie aber immer noch ganz brauchbar aus!

Der Mann betrachtete sie von der Seite, was sie in Hochstimmung versetzte. Mit der Zeit wurden solche bewundernden Blicke immer seltener, obwohl sie seit ihrer Pensionierung eifriger denn je mit ihrem Brummer unterwegs war.

Die Frau warf einen kurzen Blick auf ihre Rollex. Es war kurz vor eins. Danach umfasste sie wieder mit beiden Händen das Steuer. Nach einer Weile klemmte sie aufreizend langsam mit ihrer Rechten eine widerspenstige graue Haarsträhne hinters Ohr. Dem Mann stach ihr Armreif mit den üppigen Diamanten ins Auge.

"Aha, er hat angebissen," dachte sie erregt und ihm kam im selben Augenblick der freudige Verdacht: "Die alte Schachtel muss Knete haben, trotz dieser Schrottmühle."

"Da vorne an dem Rastplatz, wollen wir dort vielleicht ein Päuschen einlegen und ein Häppchen essen?" hörte er sie fragen?" Eigentlich wollte er fort, so weit wie möglich, den Knast vergessen und all das was in dieser verdammten Stadt hinter ihm lag. Sein Magen fing an zu knurren und er nickte.

Warum hatte die Alte in ihrer Villa aber auch so masslos geschrien, als er ihren Tresor knackte? Ihm war nichts anderes übrig geblieben, als ihr eine Ohrfeige zu verpassen, damit sie zur Vernunft kam. Sie war zu Boden gestürzt und er hatte sich mit dem Schmuck davon gemacht. Wie er später den Zeitungsauschnitten entnahm, hatte die Bestohlene einen Oberschenkelhalsbruch erlitten. Ihr Pech!

Er wurde von irgendwem verpfiffen. Wegen dieser Kleinigkeit hatte man ihn ein volles Jahr lang eingebuchtet, obwohl er dem Gefängnispsychologen plausibel erklärt hatte, Schmuck zöge ihn nun mal an und er könne nicht anders. Der Entlassene schüttelte unmerklich den Kopf, verstand die Welt nicht mehr! Sie steuerten den leeren von dichtem Gebüsch umgebenen Rastplatz an, den man mit Sicherheit auch von der Autobahn nicht würde einsehen können.

"Ideal" murmelte er kaum hörbar vor sich hin. "Ja, das denke ich auch," sagte die alte Frau die schon geglaubt hatte, der Mensch wäre stumm. Sie bot ihm ein Brötchen an und nahm sich auch eins. Während er kaute, starrte er erneut auf ihre Uhr und den Armreif.

Er schluckte den letzten Bissen runter und stürzte sich mit weit aufgerissenen Augen auf sie. "Welch wunderschönes Blau" stellte die alte Frau verzückt fest, sah ihm tief in die Augen, während er ihr gnadenlos erst die Uhr und danach den Reif vom Arm riss. Ernüchtert kehrte sie in die Wirklichkeit zurück und hielt ihm die Attrappe unter die Nase.

"Was soll ich nur mit Ihnen machen?", fragte sie beinahe liebenswürdig und ein verträumtes Lächeln verjüngte ihr Gesicht. Sekunden später verdüsterte sich ihre Miene und sie bellte: "Und nun mal schön die Pfoten hoch!" Sie dirigierte den Dieb mit der Waffe in der Hand in die Büsche. "Ausziehen," befahl sie.

Kurz nachdem er nicht ganz freiwillig und mit viel Mühe ihren Bedürfnissen nachgekommen war, grapschte er nach seiner Bekleidung und flüchtete völlig verängstigt in Richtung Autobahn. Die Frau kletterte in gehobener Stimmung in ihr Fahrzeug. Sie entnahm einem riesigen Schmuckkasten eine der vielen Armbanduhren, die sich wie ein Ei dem anderen glichen. Danach erwischte sie einen mit unechten Diamanten gespickten Armreif, der dem Entrissenen von vorhin täuschend ähnlich sah.

Auf der Uhr war es erst halb zwei. "Noch früh am Tag," freute sie sich und stellte beim Anlegen des Reifs schmunzelnd fest:" Vorbereitung ist alles!" Sie blickte in den Innenspiegel, richtete ihre Frisur, schminkte ihre vollen sinnlichen Lippen, schnaubte zufrieden, lehnte sich entspannt zurück. Als sie den Wagen startete, verklärte die Vorfreude das Gesicht der Nymphomanin. Der Tag war ja schliesslich noch nicht zu Ende!

© Heidi Hollmann