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Lange würde es nicht mehr dauern. Edgar atmete tief durch. Er fühlte sich müde, abgeschlafft, einfach völlig daneben. Das Piepsen ging ihm auf die Nerven und der Blick auf den Monitor mit den zuckenden Aussschlägen trug nicht dazu bei, ihn zu beruhigen. Die Schläuche an seinem Körper waren genauso wenig dazu angetan, ihn fröhlich zu stimmen, aber wenigstens hatte er keine Schmerzen mehr und auch nicht mehr den unangehmen Druck auf der Brust.

Die Katastrophe war plötzlich über ihn hereingebrochen. Bevor er abtrat, musste er noch etwas loswerden. Vor wieviel Jahren, Edgar rechnete nach, hatte er Elvira betrogen?

Es musste mindestens vierzig Jahre her sein. Sie hatte ihn an dem Tag wieder mal gereizt mit ihren eifersüchtigen Unterstellungen. Er hatte es satt. Beim Vorbeigehen grapschte er nach dem Hausschlüssel, obwohl er keineswegs vorhatte, jemals zu dieser Furie zurückzukehren. Er hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Seine Frau gehörte in Therapie. Einmal hatte er allen Mut zusammen genommen und ihr den Vorschlag unterbreitet.
Mit einem schauerlichen Lachen war sie ausser sich geraten und auf ihn losgegangen. Er war wieder einmal geflüchtet.

In seiner Stammkneipe versorgte die attraktive schwarzhaarige Wirtin ihn zunächst mit Alkohol und hernach mit Trost. Das war sein erster und man möge ihm glauben, letzter Ehebruch gewesen. Er hatte diese Tat, die ganz und gar im Gegensatz zu seinen sonstigen Moralvorstellungen stand, aus Verzweiflung und Trotz begangen. Sollte sie weiterhin behaupten, und daran gab es keinen Zweifel, er würde sie betrügen, hätte sie endlich und zum ersten Mal nicht daneben getippt. Bei dem Gedanken hatte er grinsen müssen.

"Na, wieso ist der Herr so gut gelaunt", hatte Elvira ihn damals empfangen. Dabei hatte sie ihn schläfrig angeblinzelt.

Sie schnupperte seinen Mund ab. "Aha, der Herr haben Alkohol getrunken," sie gähnte. Danach überprüfte sie seinen Hemdkragen. "Kein Lippenstift," stellte sie bei sich fest und war gewiss: "Ein Kerl der so besoffen nach Hause kommt, hat mit Sicherheit kein Liebchen gehabt." Sie wollte es für heute gut sein lassen. Auch ihrem unverschämten Kontrollblick, aus ihren kalten Fischaugen, wich er diesmal nicht aus, was sie dazu veranlasste, ihm im Stillen die Absolution zu erteilen. Beide Eheleute waren katholisch und Ehebruch würde bekanntlich ein ewiges Schmoren in der Hölle bedeuten, falls nun ja, falls man seine Sünden nicht kurz vor Tores Schluss nicht doch noch vom Beichtvater abgenommen bekam. Dafür hatte Fred gleich am nächsten Tag, einem Samstag, gesorgt. Während sie duschte, war er aus dem Haus geschlichen und hatte beim Heimkommen behauptet: "Mir sind die Zigaretten ausgegangen."
"Und was ist das hier," fragte sie und hielt ihm triumphierend ein Päckchen Steyvesand, dass sie beim Durchforsten seiner Jackentaschen gefunden hatte, unter die Nase.

"Wo hast du die denn her,?" stellte er sich doof, schlug mit dem Handrücken vor seine Stirn und murmelte: " Ach Gott, die habe ich ganz vergessen."

Sie brummte etwas vor sich hin, was er nicht verstand und er war auch nicht darauf erpicht, die Worte zu verstehen. Nur weg von dieser grauäugigen Kuh!

Die Beichte entlastete ihn nicht, wie er gehofft hatte und auch die Verdächtigungen von Elvira traten, wie zu erwarten, immer wieder zu Tage, so dass er permanent an seine böse Tat erinnert wurde.

Jetzt, wo er im Sterben lag, wollte er reinen Tisch machen und als Elvira erschien, beichtete er ihr gleich sein Vergehen. Ihre um noch ein Quäntchen kälter blickenden Augen bekamen im Angesicht seines Todes einen weichen Schimmer, den er noch nie bei ihr bemerkt hatte.
"Er wird sterben," dachte sie voller Entsetzen und wurde blass. Natürlich war sie bereit ihm zu verzeihen, alles, ja wirklich alles. Auch dass er einmal Bleistifte im Treppenhaus verstreut hatte und sie schneller als gewohnt unten gelandet war, verzieh sie ihm; und auch, dass er, der als gewissenhafter Elektromeister bekannt war, ihren Herd falsch angeschlossen hatte wodurch sie einen mächtigen Stromschlag hatte verkraften müssen. Papperlapapp! Schließlich hatte sie ja überlebt. Ihr fiel vor Aufregung im Moment nichts mehr ein, was sie ihm noch hätte vergeben können. Sie hielt seine eiskalte Hand bis er erschöpft in einen tiefen Schlaf fiel.

In den Schlaf der Genesung, wie Elvira bei seinem Erwachen entzückt feststellte. Ihre ehemals schlechten Eigenschaften kehrten prompt zurück. Jetzt wurde er, obwohl schon jenseits von Gut und Böse (bei ihr jedenfalls), noch mehr bespitzelt. Ihre Schmähworte hätten ganze Bücher füllen können. Er wurde von ihr Tag und Nacht damit bombardiert.

Schliesslich erbarmte sich der Teufel seiner. Nach dieser langen Leidenszeit unter der Regie dieser verflixten Peinigerin nahm er Fred wohlwollend zu sich in die Hölle. Volle zwanzig Jahre danach, die der Himmel ihm so grosszügig geschenkt hatte.

© Heidi Hollmann