Sie sind hier: Kurzgeschichten

Wohlig döste Kathi vor sich hin, räkelte sich auf der Bank, rauchte genüsslich ihre letzte Zigarette. Die leere Schachtel warf sie in den Abfalleimer. Zwischen dem ganzen Müll glänzte ein schwarz lackiertes Kästchen. Sie fischte es trotz ihrer Ekelgefühle heraus. Es hatte ungefähr die Grösse einer Zigarrenkiste.

In seinem Innern befand sich ein kleiner Stab, ebenfalls schwarz lackiert. Er sah einem Esstäbchen ähnlich. Beim Zürücklegen des Schwarzlackierten grummelte Kathis Magen. Zeit, ihn zu füllen.

In dem kleinen Fischrestaurant "Zum Hecht" stand "Forelle im Speckmantel, mit Keniaböhnchen und Salzkartoffeln" auf der Tageskarte. Es dauerte verdammt lange. "Wird wohl alles frisch zubereitet werden" konnte sie sich die Hungrige vorstellen und übte sich in Geduld.

"Na endlich!" Beim Zerlegen des Fisches waren kaum Gräten vorzufinden, dafür schmeckte die Forelle morastig. Gleich der erste Bissen wäre beinahe wieder zum Vorschein gekommen. Entweder war das Vieh uralt, oder der Speckmantel ranzig. Die Böhnchen schienen tatsächlich aus dem fernen Kenia eingeflogen worden zu sein. Sie kaute und kaute und die ekeligen Spelzen blieben ihr am Gaumen kleben. Zu guter Letzt blieben ihr nur noch die Kartoffeln. Sie stimmten mit der Aussage auf der Speisekarte "Salzkartoffeln" überein und Kathi kam zu der Überzeugung, der Koch müsse verliebt sein, bis über beide Ohren!

Mit der flüssigen Butter, die der Farbe des Dunkelbieres glich, würgte sie die runden Dinger runter. Das Bier war jedenfalls geniessbar.

Wie sie sich kannte, würde sie hernach beim Abräumen die Frage: "Hat es der Dame geschmeckt, wie immer mit:" Ja, danke, ganz vorzüglich" beantworten. Im Grunde genommen ärgerte sie sich über ihre aus lauter Höflichkeit verlogenen Antworten schon lange. Während sie den schwarz lackierten Stab in ihrer Hand betrachtete, stellte auch dieser Ober die höchst überflüssige Frage aller Kellner.

"Nein, es hat der Dame nicht geschmeckt," sagte sie und zuckte augenblicklich zusammen. Sie war aber noch nicht fertig mit ihm und ihr Mund trompetete:

"Die Keniaböhnchen können Sie sich von mir aus als Dekoration an den Hut, oder nach Belieben wohin stecken. Die Forelle scheint an Altersschwäche verendet zu sein und der Speckmantel gehörte ebenfalls in den Müll!"

Der Ober hob Augenbrauen und Schultern, rauschte beleidigt ab. Sie durchdachte noch mal das Gesagte. Ihr wurde ganz elend. Sie legte das Stäbchen in das Kästchen zurück

"Zahlen bitte". Der Mann bekam ein dickes Trinkgeld, weil ihr ihre, wenn auch berechtigten Vorhaltungen, leid taten. Irgend etwas musste mit ihr nicht stimmen. Sie grübelte und grübelte, erhob sich. Zeit, die Fähre zu nehmen. Sie rief sogleich ihre Freundin an.

"Na, bist du wieder zu Hause?" Kathi hielt das Stäbchen dicht vor ihre Augen, wollte ihr von dem Fund berichten. "Ja sicher bin ich das, oder glaubst du vielleicht, ich riefe aus dem Jenseits an," fauchte sie.

"Was ist mit dir," fragte Stefanie besorgt. "Sooo kenne ich dich gar nicht." "Dann lernst du mich eben jetzt sooo kennen," schrie Kathi ins Telefon. Stefanie legte auf.

Vor Schreck fiel Kathi der Stab aus der Hand. Ihr Verhalten musste mit diesem verflixten Ding zusammenhängen. Er zwang sie offensichtlich hemmungslos das mitzuteilen, was ihr spontan einfiel." Vielleicht nicht nur sie! Es musste ausprobiert werden und zwar an ihrer Schwiegermutter Elli, die sich als Testperson ihrer Meinung nach besonders gut eignen würde. Es war ein Engelstag. Elli hatte auf der Terrasse gedeckt. Sie trafen sich schon lange einmal die Woche und aus Sympathie. Entweder bei ihr oder bei Kathi.

"Siehst gut aus, Kind!" Elli und drückte sie an ihren üppigen Busen. Sie wusste selbst, wie abgewrackt sie aussah, nach dieser durchgrübelten Nacht und Elli wusste es auch."Nimm bitte Platz," forderte ihre Schwiegermutter sie, gut gelaunt wie immer, auf.

"Sieh mal Elli, was ich hier hab." Kathi liess den Stab lässig hin- und herpendeln. "Wo hast du das denn her?" Elli griff nach ihrer Brillenkette an ihrem Busen.

"Aus einem Müllbehälter am Rhein." Das Gesicht ihres Gegenübers verfinsterte sich. "Fühlt sich wunderbar glatt an." Kathi tat begeistert und überreichte ihr den Schwarzlackierten. Die pingelige Elli kämpfte mit sich. Ihren Hinweis "Mensch Elli, ich hab das Teil abgewaschen, du kannst es ruhig anfassen," liess sie tatsächlich zupacken. Kathi wurde vor Aufregung ganz schwindelig.

Kein Wunder, dass sie den Kaffee auf Ellis handgestickte Leinendecke verschüttete. Nicht zum ersten Mal. Elli hatte bisher immer verständnisvoll reagiert und ihr Gast erwartete ihr verzeihendes "Aber das macht doch nichts, Kindchen."

"Ach du meine Güte, wie alt bist du eigentlich, Kathi?" hörte sie statt dessen die Empörte lamentieren. Dabei schwenkte die erregt das Stäbchen durch die Luft. "Seit ich dich kenne, ist dir das X-Mal passiert. Ganz davon abgesehen, wäre das der Dingsda, wie heisst die denn noch, die Verflossene von meinem Dieter?........ Na, nun hilf mir schon!"

"Du meinst die Annegret, Elli," half die Beschimpfte ihrer Schwiegermutter aus der Verlegenheit und wurde innerlich total cool. "Ja, ganz recht, also der Annegret wäre so etwas nie passiert. Eine Frau, wie aus dem Bilderbuch. Die ist in keiner Weise so wie du!" meinte Elli und schnappte nach Luft.

"Wie bin ich denn Elli?" Ihre Schwiegertochter beugte sich zu ihr rüber und sah ihr fest in ihre hellblauen Glubschaugen, sah befriedigt, wie sie den Stab umklammert hielt.

"Du, du bist vergnügungssüchtig. Während sich mein armer Dieter abrackert, machst du die schönsten Ausflüge an den Rhein. Du gibst auch viel zu viel Geld aus. Mein Sohn bekommt seit Jahr und Tag kein anständiges Essen mehr vorgesetzt. Vermutlich sparst du an ihm. Wenn ich nicht wäre, wäre der arme Kerl schon längst verhungert."

Erregt schleuderte Elli das Stäbchen auf den Tisch. Kathi nahm es auf, spielte aufgewühlt damit. "Schluss jetzt, Elli. Nun lass aber mal die Kirche im Dorf. Dein armer Dieter bekommt langsam aber sicher die Figur eines Sumoringers. Ich kann wirklich nichts dafür, wenn er sich bei mir schon den Bauch vollgeschlagen hat, dass er auch noch bei dir dran glauben und Völlerei begehen muss, nur weil du sonst beleidigt bist.

"Kann ich dir noch mal nachschenken, meine Liebe", säuselte Elli unbeeindruckt. Ihr Gesicht strahlte wieder mütterliche Güte aus. Einen Augenblick lang schimmerte die alte Elli wieder durch.

"Schmeckt dir meine Philadelphiatorte, Kind? Ich weiss ja, wie sehr du auf deine Figur achtest. Sie ist wirklich gaaanz mager. Ach, meine Liebe, ist das schön, dass wir miteinander das tolle Wetter geniessen können."

Kathi tat sich mit dem Geniessen schwer, hatte andere Sorgen. Wie konnte man der alten Frau nur das Stäbchen erneut unterjubeln? Elli verfolgte mit Argusaugen, wie Schwiegertochter Kathi das Ding auf dem Tisch hin und her rollte.

"Ganz mager, dass ich nicht lache. Ich bekomme in Windeseile Sodbrennen von dem Zeug. Die Torte strotzt ja nur so vor Fett Elli und nebenbei bemerkt hängt sie mir ob gaaanz mager oder nicht, mächtig zum Hals raus, ich kann sie einfach nicht mehr sehen!"

"Na, dann werde ich nächstes Mal mal was anderes backen," sagte die Gastgeberin versöhnlich und griff gedankenverloren nach dem schwarzen Stab. Augenblicklich stieg ihr die Röte ins Gesicht.

"Lass es mich dir mal sagen, Du, du bist eine ganz unverschämte Person! Nur Anforderungen, Anforderungen, Anforderungen! Ich spüre nicht ein einziges Fünkchen von Gegenleistung. Du backst ja noch nicht einmal selbst, wenn ich zu dir komme. Immerzu diese gekauften Teilchen mit ihrem schlechten Fett. Jedesmal wenn ich bei dir etwas verzehrt habe, bekomme ich Gallenkoliken. Ich meine, daran sterben zu müssen. Aber dir kann das ja egal sein. Ich kann mir sogar vorstellen, dass du auf meinen Tod lauerst!" Elli wechselte die Farbe, wurde blass. Sie fing an, sich zu schneuzen, starrte hasserfüllt auf Kathi, die aufsprang und ihr den merkwürdigen Fund aus der Hand riss..

"So ich gehe jetzt, mich siehst du nie wieder. Ich werde deinem Sohn von deinen Unverschämtheiten nichts sagen, aber warum ich dich nicht mehr besuche, musst du ihm schon selbst erklären, und Elli! Was deinen Tod angeht, ich lauere jedenfalls nicht darauf." Kathi machte eine bedeutungsvolle Pause, holte tief Luft.

"Das ergibt sich ganz und gar von selbst!" Arrogant zog sie die Brauen nach oben und versetzte der alten Frau den Todesstich. "Leute deines Alters sind ja bekanntlich sowieso nur noch Eintagsfliegen!" Elli wurde dunkelrot, kippte hinterrücks vom Stuhl, röchelte. Wie bestellt, vernahm Kathi im gleichen Augenblick das fürchterliche Gekreische eines Martinshorns. Sie sprang aus dem Bett, schloss das Fenster, nahm sich vor, gleich nach dem Frühstück ihre stets liebenswürdige Schwiegermutter zu besuchen. Als Wiedergutmachung sozusagen. Obwohl, für ihre Träume konnte sie wirklich nichts.

© Heidi Hollmann